Drei Fragen an Peter Pertusini

Du beschreibst Deine Produktion „Eskalation interdit“ als „einen Übungsabend in echter Akzeptanz“. Was ist damit gemeint und welchen Diskurs verhandelst Du?

Die neoliberale Doktrin des falsch verstandenen Darwin (ein Fisch kann gar keine Leistung tragen) und damit einhergehend der Verfall der basalen Einsicht, that what goes around might come around, gehen gerade in ihr nächstes dystopisches Zwischenfinale, die Verantwortungsträger allerorten springen von einem NS(U)- Zitat zum nächsten Genitalgreifwitz und haben sich damit jeder Kritik endgültig entzogen.

„no future“ ist Programm. So gesehen ist das neue Biedermeier, das neue sich einhäkeln im selbstgewalkten, imprägniert sein, in der öligen Schicht der eigenen regeltreuen Erhabenheit als Ersatzhandlung ja nur verständlich, die neue Spießigkeit ist ja dann revolutionär wenn man quasi von den Sex Pistols regiert wird.  Was wir versuchen, ist, trotz der Irrsinnigkeiten – und die sind keinesfalls neu, die waren nur kurz aus dem Blickfeld – seinen eigenen Atem zu behaupten und der geht tief und fest.

Konzeptioniert wurde „Eskalation interdit“ relativ lange vor dem letzten Rechtsruck, lange vor den letzten Waffenfunden in Niederösterreich und auch vor den letzten Messerattentaten, folgend der Beobachtung, dass während populistisch Denkende mit ihren inzwischen komplett von der Realität abgelösten Behauptungen sich in euphorischer Aufbruchstimmung und Einigkeit gegenseitig feiern, die Mehrheitsgesellschaft, jene, die für ein einigermaßen rücksichtsvolles Miteinander eintreten wollen, einander in einer nicht enden wollenden Detailkritik quasi handlungsunfähig machen. Ein Austausch außerhalb der engsten Freund*innen – geführt auf Augenhöhe und ohne stereotype Zuweisungen – ist förmlich abhandengekommen und lähmt. Und der Versuch dieses Abends ist nichts, als trotz der gegebenen Umstände und unabhängig von Aussicht auf Erfolg, einen Weg aus der Lähmung zu finden.

„Eskalation interdit“ ist eine Stückentwicklung. Wie habt Ihr daran gearbeitet?

Wir haben sehr lange miteinander gesprochen, diskutiert, situationenbezogen oder dasselbe verweigert. Die Annahme ist: auch im kollegialen oder gar freundschaftlichen Austausch wird permanent Status, Vorurteil, oder einfacher: die Schablonen der eigenen Erfahrungen und Weltsicht mitverhandelt und transportiert. Dieses gegenseitige Abtasten und die gegenseitigen Unterstellungen kann man sichtbar und die daraus resultierenden Konflikte spielbar machen und anhand dessen brennende Thematiken aus (fast) rein subjektiven Sichtweisen verhandeln, ohne auf eine übergeordnete Instanz angewiesen zu bleiben.

Du hast als Schauspieler im Stadttheater angefangen und einige Jahre dort gearbeitet. Nun arbeitest Du als Schauspieler und Regisseur vornehmlich in der freien Szene in Wien. Welche Unterschiede machst Du aus und was schätzt Du an der ein oder anderen Arbeitsweise?

Das Format gibt erstmal keinerlei Auskunft über die Arbeitsweise. Die einen rühmen sich auf Grund der größeren Institution, der schickeren Foyers irgendwie die Besseren zu sein, die anderen halten sich für Avantgarde, für risikobereit, für grundlagenforschend - beides stimmt meistens nicht, manchmal aber schon.

Ich versuche immer im Einvernehmen und so viel wie möglich aus den Haltungen und Erfahrungswelten der Agierenden selbst zu schöpfen. Das steht aber keinesfalls für freies arbeiten an und für sich. In meiner Zeit als Protagonist (jaja) am Landestheater (In Deutschland wäre das ein Staatstheater von der Größe her - jaja) habe ich dafür gekämpft, an zeitaktuellen relevanten und heutigen Stoffen arbeiten zu dürfen - meist erfolglos.

Die Fragen stellte Hannah Lioba Egenolf.