Autor: Maximilian Löwenstein
Maximilian Löwenstein war von 2016 bis 2023 als Dramaturg am Staatstheater Darmstadt und von 2023 bis 2025 mit dem Schwerpunkt „Digitale Strategien“ am Schauspiel Essen tätig. Ihn verbinden Zusammenarbeiten u.a. mit Hakan Savaş Mican, Claudia Bossard, Roman Senkl, Rafael Sanchez, Isabelle Redfern, Caner Akdeniz, Sapir Heller, Armin Petras, Christoph Frick, Tue Biering, und langjährig mit Volker Schmidt. Hauptinteressen seiner Arbeit liegen im Bereich Digitalisierung, Diversifizierung und Stadtraumbespielungen.
I.
Was könnte 2026 partizipatives Arbeiten im Theater ausmachen? Und warum trägt ein partizipatives Stück, das am Schöpfwerk spielt, den Titel schöpfwerk represent – place to be? Zwei Fragen, deren Beantwortung bestenfalls Allgemeineres mit einem Beispiel verbindet. Zuerst die zweite Frage. Was bedeutet repräsentieren? Der Duden sagt: „repräsentieren: etwas, eine Gesamtheit von Personen nach außen vertreten; Repräsentant, Repräsentantin von jemandem, etwas sein.“ Beim Repräsentieren geht es anscheinend darum, etwas in eine lesbare Form zu bringen. Weniger darum, es eins zu eins abzubilden, sondern eher etwas zu (Ver-) Dichten oder Zuzuspitzen. Wenn mensch die Wohnhausanlage „Am Schöpfwerk“ im 12. Bezirk theatral porträtieren bzw. repräsentieren will, bringen Künstler*innen das Schöpfwerk in eine Form und gestalten in dieser die Vielfältigkeit dieser Anlage, seine Geschichte(n) und Lebensläufe. Ein Theaterstück als Mittel der Repräsentation dieser Wohnanlage mit annähernd 6000 Einwohner*innen ist dafür vielleicht gar nicht so schlecht. Bei einem Stück ist von vornherein klar, dass (hinzu-)gedichtet wird, um Standpunkte zu verdeutlichen und dass das hoffentlich Interessanteste ausgewählt wird aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. „schöpfwerk represent“ nimmt diesen Vorgang der Repräsentations-Formfindung mit in den Titel und lässt mit dem Untertitel „place to be“ weitere, beziehungsweise spezifischere Aspekte anklingen. Die Suche bei Volker Schmidts Stationentheater am Schöpfwerk soll natürlich über die allzu bekannten Klischees zum Schöpfwerk hinauskommen. Es geht in ihr neben Genauigkeit und Tiefenschärfe auch darum zu erkunden, ob diese 1700 Wohnungen auf dichtem Raum ein „place to be“ waren, sind oder irgendwann werden könnten.
In seiner einjährigen teilnehmenden Beobachtung und Annäherung nimmt Schmidt als Regisseur und Autor mit seinem Team Kontakt auf zu den Bewohner*innen des Schöpfwerks. Interviews, Workshops und Streifzüge mit aktuellen Einwohner*innen der Anlage sind dabei genauso Grundlage für die Stückentwicklung, wie die reichhaltige Geschichte des Schöpfwerks. Diese Geschichte beginnt vielleicht bereits im Jahr 1919 mit der Geburtsstunde des Roten Wiens und einer kommunalen Baupolitik, die ein „humanes Wohnen für alle“ seit mittlerweile über 100 Jahren realisieren will.
Das Schöpfwerk wurde 1980 eröffnet, und ist weit über die Grenzen von Meidling bekannt geworden, nicht zuletzt durch den Film „Muttertag“ und eine oftmals irritierend einseitige, mediale Berichterstattung. Dem gegenüber und nicht minder prominent steht u.a. die beeindruckende, empowernde Arbeit der Bassena unter der Leitung von Renate Schnee inklusive eines national empfangbarem „Kunst- und Kulturradio Schöpfwerk“. Das Schöpfwerk ist und war immer mehr als nur eine Heimat für tausende Menschen. Ein Symbol, eine Projektionsfläche, ein Befund …
Vieles wurde schon in diese Anlage hineingelesen. Nicht zuletzt der Anspruch, mit dem Schöpfwerk einen „Demonstrativbau“ zu realisieren für ein zukunftsweisendes Wohnen im Auftrag der Stadt Wien, geplant durch den prominenten Architekten und Quadratliebhaber Viktor Hufnagl, hat an der Aufladung dieser Anlage sicher seinen Anteil. Das Schöpfwerk sollte immer schon mehr sein als nur ein Wohnort.
Ein place to be? Die konkreten Begegnungen mit den Menschen, die 2026 im Schöpfwerk leben und entweder persönlich spielend am Stationentheater mitwirken oder im Hintergrund Unterstützung geben, sind inspirierend und widersprüchlich. Dieser Reichhaltigkeit an Erfahrungen versucht das Stück in Form und Inhalt Rechnung zu tragen. Das Publikum kann dabei im Gehen immer wieder neue Perspektiven einnehmen und eintauchen in sehr verschiedene auch konträre Geschichten dieser Anlage – und das, ohne alles auf eine Formel zu bringen. Diese eine „letzt-gültige“ Perspektive, das abschließende Urteil, werden die Zuschauer*innen dabei wahrscheinlich nicht finden können, angesichts der Vielfalt an Blickwinkeln aufs Schöpfwerk.
II.
Im Reichtum an Perspektiven liegt unter Umständen auch generell die Kraft partizipatorischen Arbeitens. Ein Arbeiten, das zu Beginn der Entwicklung eben nicht genau wissen kann, wo es enden wird, sondern andere Tugenden einfordert: Offenheit, Zuhören, Dialog und Veränderbarkeit, also die Bereitschaft der hauptberuflichen Künstler*innen, ihre eigenen Prämissen durch die Wahrhaftigkeit der Begegnungen mit den Teilnehmer*innen bzw. den Co*Kreiierenden immer wieder verändern zu lassen. Diese Art der Arbeit ist damit unter Umständen auch ein Versuch, ein bisschen „demokratischer“ zu arbeiten, um Stimmen, die oftmals kein Gehör finden, in eine repräsentative Sichtbarkeit zu bringen. In der großartigen Vielzahl künstlerisch-theatraler Praktiken, kann Partizipation gerade jetzt – da die Aushandlungsprozesse, um eine faire Behandlung von vielen Gruppen der Gesellschaft zu gewährleisten, politisch und sozial mehr denn je notwendig erscheinen – ein guter Weg sein, um diesen absolut legitimen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Wer Theater produziert und konsumiert, ist bislang immer noch sehr homogen. Es geht bestimmt noch deutlich mehr an Diversität beim Publikum und bei den Macher*innen, also allen, die diese wunderbaren, vielfältigen, künstlerischen Möglichkeiten durch ihre Steuergelder ermöglichen. Partizipativ zu arbeiten, praktisch handelnd mehr Menschen als die happy few zu erreichen, könnte ein wertvoller Weg (von vielen) sein, um dauerhaft Zugänge und persönliche Räume zu eröffnen, die zahlreichen Menschen sonst unerschlossen blieben. Dass diese Möglichkeiten des Ausdrucks, Gehör zu finden und künstlerisch träumen zu dürfen, Menschen gehören sollten – auch und gerade im Gemeindebau – ist eine politische Frage. Und sie ist wahrscheinlich auch eine des Menschenbilds. Kunst sollte humanistisch wie demokratisch verstanden grundsätzlich allen zugänglich sein und gehören.
So naiv darf mensch es vielleicht auch einmal sagen – insbesondere dann, wenn sich Milliardäre Venedig gerade faktisch „mieten“ können, als Hintergrund für die Bilder ihrer schönen, romantischen Hochzeit.
III.
Und damit stellt sich auch die Frage danach, wie Theaterschaffende im Jahr 2026 arbeiten, beziehungsweise in welcher Situation sie arbeitend kommunizieren. Was bedeutet die aktuelle, gesellschaftliche Realität für eine Reflektion über theatrale Formen? Neben den angedeuteten politischen Entwicklungen unserer Zeit befinden wir uns auch in einer Zeit des medialen Umbruchs. Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft fundamental, auch und insbesondere im Theater, in dem sich viele noch an einem Hort des Analogen wähnen. In Theatern wird weiterhin meistens von künstlerisch arbeitenden Menschen an ein stilles Publikum gesendet. Das ist eher ein Diskurs als ein vielstimmiger Dialog. Die Vorzeichen der Digitalisierung sind tendenziell aber eben nicht diskursiv, sondern eher dialogisch, kommentierend, „track-end“ und potenziell mitgestaltend. Es gibt derzeit selbstverständlich die bekannten, schrecklichen, totalitären Auswüchse von Überwachungsstaaten, algorithmischer Manipulation und einer omnipräsenten Produktion des fake. Daneben findet sich aber ebenso, wie Felix Stalder in „Kultur der Digitalität“ klug und ermutigend aufzeigt, ein demokratisierendes Potential in der Digitalisierung. Diese kann durch Technologie und eine veränderte kommunikative Situation genauso gemeinschaftliche Teilhabe und Polyphonie befördern. Was hat aber diese side-note mit partizipativem Theater oder mit Repräsentation zu tun? Als Beispiel genannt, bildet sich eine diverse Gesellschaft im digitalen Raum gerade oft besser ab als im analogen.
Und dies insbesondere durch die beschriebenen Bedingungen jenseits von Sender- Empfänger-Modellen und gate-keeping. Unsere verschiedenen Modi der analogen Repräsentation hinken der Realität gerade doch noch arg hinterher. Und Theater ist sicher ein prominenter Repräsentationsort einer Gesellschaft. Wer spricht zu wem? Wer redet dabei mit? Wem wird Gehör und „Sendezeit“ geschenkt? Wessen Perspektive, wessen Geschichte ist erzählenswert? Und in welchem Verhältnis steht das Theater selbst in seiner Produktion zu seiner Mit- und Umwelt? Solche Fragen sind derzeit relevant und zeigen auf, dass im Zuge der Digitalisierung die Frage nach dem, was ein älteres Medium leisten kann und soll von vielen Menschen selbstbewusst neu gestellt wird. Wenn ich tagtäglich hunderte Perspektiven mit mir in Dialog treten lassen kann, wenn ich gewohnt bin mitzureden, dann kann ein Theaterabend der wenigen, wohlbekannten Blickwinkel bestimmt für manche erholsam sein. Für andere ist ein solcher Abend aber vielleicht heillos unterkomplex und exkludierend. Die Frage, wessen Erfahrung daran teilhat, was „on stage“ repräsentativ verhandelt wird, ist dann keine triviale oder numerische. Sie ist eine, die sich Theater genauso gefallen lassen müssen wie der Rest der Gesellschaft. Und sie entscheidet häufig auch über das Interesse der Zuschauenden an dem, was dargeboten wird. Es geht dann wohl um echte Öffnung und die Bereitschaft zuzuhören und auch darum, Bekanntes zu verlernen durch Theaterschaffende – sich also umfassend verändern zu lassen. Und diese Praxis bedeutet ein bewusstes Sichtbarmachen insbesondere derjenigen Realitäten und Biographien, die Sichtbarkeit in diesen Kontexten bislang nur selten erlebt haben. Sichtbarmachen auf Bühnen oder in theatralen Situationen kann 2026 btw auch deshalb wichtig sein, um das Angenommensein von Menschen in einer Gesellschaft an prominenter Stelle zu dokumentieren und künstlerisch zu feiern. Einer Gesellschaft, die, um es zu wiederholen, immer noch deutlich zu wenig Diversität in ihren Repräsentationen aufweist angesichts der deutlich diverseren und vielfach dialogfähigeren Gesellschaft, die es doch wahrscheinlich zu repräsentieren gälte. So verstanden kann Partizipation oder Teilhabe im Theater gerade jetzt genau richtig sein als Mittel der Wahl. Viele, viele Stimmen sind viel zu lange nicht gehört worden. Das zu ändern, ist herausfordernd, aufregend, lehr- und hilfreich und dabei freundschaftlich verbunden mit einer weiterhin anstehenden Demokratisierung.
Also: Let’s go!