Die Motivlage ist komplex. 3 Fragen an den Autor und Regisseur Calle Fuhr

„Die Quelle“ ist Deine neue Produktion, in der Du Dich in Zusammenarbeit mit der investigativen Journalismus Plattform DOSSIER in die Tiefen des Whistleblowing begibst. Wie seid Ihr auf die Idee zum Thema gekommen?

Ich arbeite nun schon seit über fünf Jahren mit DOSSIER zusammen. In jeder unserer Arbeiten versuchen wir einen neuen Zugang zu der Verbindung aus Theater & Journalismus zu erkunden. Nachdem wir uns in unseren letzten Arbeiten auf unterschiedliche Weisen mit konkreten Recherchen beschäftigt haben, haben wir nun nochmal einen ganz neuen Zugang gewählt. Denn wie eine Recherche zustande kommt, welche unglaubliche Arbeit und Risiken dahinter stecken, das konnten wir mit realen Recherchen bislang schwer abbilden. Daher schien es für uns logisch nun einen Ausflug in die Fiktion zu machen und darüber zu erzählen, was hinter einer den Kulissen alles passieren kann.

Du hast im Zuge Deiner Recherche auch mit echten Quellen gesprochen, also Menschen, die ein Risko eingehen, um Missstände aufzudecken. Gab es Momente in den Begegnungen, die Dich überrascht haben?

In den vielen Gesprächen, die ich führen durfte, gab es immer wieder unglaubliche Momente. Momente, die in einer fiktionalen Erzählung kaum glaubhaft scheinen, weil sie so arg sind: Von Drohungen gegenüber Quellen, über Stalking bis hin zu konkreten körperlichen Übergriffen war da alles dabei. Ich glaube, was mich retrospektiv am meisten überwältigt hat, war die Bandbreite an Motiven: Den einen ging es um Rache – zum Beispiel für eine Kündigung, andere hatten wirklich hehre Motive und wollten Missstände sichtbar machen, wieder andere hatten einfach Angst, dass, wenn sie nichts sagen, vielleicht selber belangt werden können. Jedes Gespräch hatte eine neue Facette.

Quellen, durch deren Hilfe gravierende Missstände aufgedeckt werden können, lassen sich auch als Held*innen wahrnehmen. Du hast Dich in der Figurenzeichnung aber dazu entschieden, auf eindeutige Held*innengeschichten zu verzichten. Gab es einen besonderen Grund dafür?

Jede Person, die versucht einen Missstand aufzudecken, hat für mich etwas held*innenhaftes. Doch dabei bleibt es eben oft nicht. Immer wieder ist die Motivlage für das Whistleblowing komplex. Deswegen war es mir wichtig in Die Quelle genau diese Komplexität abzubilden. Das macht aus meiner Sicht im Theater zudem auch einfach mehr Spaß.

Die Fragen stellten Esther Holland-Merten und Johannes Gaisfuss.