VOR 13 JAHREN WAR „DIVERSITÄT“ EIN UTOPISCHER BEGRIFF Drei Fragen an Festival-Dramaturgin Anna Schober

Seit der Gründung des diverCITYLAB 2013 versteht Ihr Euch als kulturpolitische Intervention mit dem Ziel, die Privilegien und Exklusionsmechanismen in der österreichischen Kunstwelt offenzulegen und zu verändern. Jetzt löst Ihr Euch auf – warum?

Wir wollen die gelebte Realität in den darstellenden Künsten an die Lebensrealität der in Wien aufhältigen Menschen anpassen. Dazu haben wir uns ein gutes Jahrzehnt als postmigrantische Schauspielschule, Kunstvermittlung und Produktionsfirma getarnt. In der diverCITYLAB-AKADEMIE haben wir 3 Jahrgänge Schauspielende und Performende ausgebildet. Wir haben zahlreiche Stücke in renommierten Theaterhäusern und Performances im öffentlichen Raum realisiert, mit Künstler:innen unterschiedlicher Nationen kooperiert, sind in die österreichischen Bundesländer und nach Deutschland getourt und haben so manchen Film gedreht.

Dabei geht es uns immer darum, die Sehgewohnheiten des Publikums zu durchbrechen, aber auch die Arbeitsweise und Hierarchien im Kunstbetrieb von innen zu verändern. Wir denken im Kollektiv und so viele Perspektiven wie möglich. Wir besetzen Räume, wir denken Weltliteratur und Gesellschaft divers.

Wenn jetzt selbst die großen deutschsprachigen Bühnen und renommierten Schauspielausbildungen erkennen, dass Performance nicht das Gegenteil von Schauspiel ist und Diversität die Norm, dürfen wir uns auflösen und unsere Nicht-Mehr-Existenz in ein Festival transformieren.

Und vielleicht noch konkreter gefragt: Was hat sich in den vergangenen 13 Jahren in der Wiener Kunst und Kulturlandschaft getan?

Die Veränderung passiert langsam, aber die Strukturen verändern sich. Es gibt zahlreiche Versuche der großen Häuser und Institutionen, Zugänge zu schaffen. Manchmal ist der Vorwurf des „Diversity Washings“ sicher angebracht, aber vor 13 Jahren war „Diversität“ ein utopischer Begriff und „postmigrantisch“ ein Fremdwort. Das ist jetzt anders. Die Fronten sind womöglich härter, aber die Begriffe sind in aller Munde. Auch dass Aslı Kışlal, die Gründerin von diverCITYLAB, die Leitung des Theaters der Jugend übernimmt ist ein Zeichen für Veränderung.

Euer high performance festival findet an vielen verschiedenen Orten in Wien statt, unter anderem am Theater am Werk, aber auch am Kosmos Theater und in der Semmelweisklinik. Was darf sich das Publikum von den unterschiedlichen Produktionen und Spielorten erwarten?

Insgesamt umfasst das Festival „10 Spülgänge“ in „4 Spülstätten“.

In den Räumen des Theater am Werk im Kabelwerk hat diverCITYLAB seine Wiege und hier fühlen wir uns nach wie vor sehr heimisch. Hier lassen wir noch einmal Revue passieren, was wir die letzten 13 Jahre so gelernt haben und nehmen und dabei wirklich gar nicht ernst.

Dann geht es weiter ins Kosmos Theater, wo wir uns nichts Geringeres vorgenommen haben, als in nur einem Abend das Theater und das Patriarchat aufzulösen.

Im Erdgeschoss der Semmelweisklinik versuchen wir in einer immersiven Performance den Weltfrieden herzustellen, während sich im Dachboden eine mystische Welt zwischen Totentanz und Plädoyer für das Leben entfaltet. Im Schikaneder Kino versteigern wir zum Abschluss unsere materiellen Hinterlassenschaften, zeigen alle Filme, die wir gedreht haben… und feiern das Ende der postmigrantischen Epoche Anfang des 21. Jahrhunderts in Wien.

Die Fragen stellte Hannah Lioba Egenolf.