“Kampf um die Wahrheit” von Ashwien Sankholkar

Warum investigativer Journalismus in Zeiten von Propaganda und Fake News so wichtig ist und wie die Rechercheplattform DOSSIER arbeitet.

Autor: Ashwien Sankholkar

Ashwien Sankholkar ist ein österreichischer Wirtschaftsjournalist. Als langjähriger Investigativreporter des Wirtschaftsmagazins Format (heute: trend) deckte er große Wirtschaftsskandale auf, darunter die Buwog-Affäre rund um Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Dafür wurde er 2011 mit dem Alfred-Worm-Preis für investigativen Journalismus ausgezeichnet. Seit 2019 ist Sankholkar Chefreporter und Miteigentümer der Investigativplattform DOSSIER. Seine Recherchen über die Ärztekammer, den Öl- und Gasriesen OMV oder Red Bull sorgen regelmäßig für Schlagzeilen.

Penible Recherche ist ein Versprechen. Als Journalist*innen versprechen wir, dass wir nicht aufhören, kritisch zu fragen. Bei DOSSIER sind wir stets – frei nach Watergate-Aufdecker Carl Bernstein – auf der Suche nach der bestmöglichen Version der Wahrheit. Gemeint ist nicht eine Version, die einem selbst gefällt, sondern jene, die der Realität am ehesten entspricht. Das ist ein wichtiger Teil unseres Jobs. Und dieser Job wird immer schwerer, weil die wirtschaftliche Großwetterlage für Medien schlecht ist und der politische Gegenwind heftiger wird. Öffentliche Wellen der Empörung nehmen zu, »Shit Storms« häufen sich und böse Propaganda macht daraus Hurrikans.

Genau hier beginnt für Investigativjournalist*innen das Problem. Wie macht man sich wetterfest? In einer Zeit, in der »alternative Fakten« nicht als ein in sich widersprüchliches Wortpaar wahrgenommen werden, sondern als legitime Wahrnehmungsvariante, ist das schwer. Die journalistische Lösung: sorgsam recherchieren, Quellen verifizieren und am Ende – so wie es bei DOSSIER zum Standard gehört – nochmals durch Faktenchecker·innen prüfen lassen. In Zeiten wie diesen ist sauberer Journalismus fast schon ein Akt des Widerstands geworden, weil er die Mächtigen stört. Was die Herrschenden nicht kontrollieren können, fürchten sie am meisten.

Eine Bastion der Aufklärung

Autoritäre Strukturen blasen weltweit zum Angriff auf demokratische Institutionen. Die freie Presse ist eine Bastion der Aufklärung, die zunehmend unter Druck gerät. Die Feinde stehen nicht nur in Russland. Sie sitzen in Regierungsbüros des Westens wie in den Vorstandsetagen und in Tech-Konzernen – überall dort, wo Macht und Geld zusammenfließt. Manchmal schleichen sie in die Redaktionen ein: Wenn reichweitenstarke Gratiszeitungen mit Regierungsinseraten am Leben gehalten werden, kann man da noch von unabhängigem Journalismus reden?

Die Pandemie war in vielerlei Hinsicht eine Lehre – auch für uns Medienleute. Auf einmal taten viele so, als wäre Wissenschaft nicht mehr Wissen, sondern Ansichtssache. Der Corona-Virus und der Umgang damit wurde mitunter zur Glaubensfrage. Die Folge waren Glaubenskriege: Virolog*innen wurden attackiert, Ärzt*innen erhielten Morddrohungen; Fakten wurden in Echtzeit zum Spielball einer Debattenkultur, die sich weniger um Wahrheit scherte als um Reichweite. Desinformation wurde zur Waffe. Und sie funktionierte verdammt gut. Die Unwahrheit verbreitet sich schneller als die Wahrheit. Das ist die Realität unserer Zeit. Leider.

Was macht das mit einer Demokratie, die auf den Austausch von Argumenten aufgebaut ist? Was geschieht mit einer Gesellschaftsform, die auf Ausgleich ausgelegt ist und Schwächere vor Mächtigen schützen soll? Sie fragmentiert. Sie zerfällt in kleine Paralleluniversen, in denen jede Seite ihre »eigenen Fakten« besitzt, ihre eigenen Wahrheitsmaschinen. Machen wir uns nichts vor. Die meisten von uns sitzen in Echokammern. Online werden wir von Algorithmen gefüttert, die uns nur noch mehr davon servieren, was wir ohnehin schon wissen – oder besser gesagt: glauben zu wissen. Und offline bekommen wir alles nochmals von unseren Freund*innen präsentiert, die es im besten Fall nur gut meinen. Es gibt kein Entrinnen.

Die öffentliche Debatte wird zum Kampf von Narrative gegen Narrative. Nicht zum Ringen um Wahrheit. Im DOSSIER-Magazin »Propaganda – Kampf um die Wahrheit« gehen wir dem Phänomen auf den Grund. So beschreiben unsere Recherchen zu »Blauen Geldflüssen« beispielsweise ein System, wo es um nichts Geringeres als den Kauf von wohlwollender Berichterstattung auf Kosten der Allgemeinheit geht. Eine üble Praxis, die im SPÖ-dominierten Wien perfektioniert wurde, Österreichs Medienmarkt seit mehr als einem Jahrzehnt verzerrt, Abhängigkeiten schafft und der politischen Einflussnahme Tür und Tor öffnet.

Das System funktioniert wie eine gut geölte Maschine: Die Regierung vergibt Inserate an wohlgesonnene Medien, im Gegenzug gibt es gefällige Berichterstattung und politische Entscheidungen werden nicht kritisiert. Als Belohnung dafür gibt es noch mehr Inserate, gefolgt von regierungsfreundlichen Artikeln. Und so geht es weiter. Ein Kreislauf der gegenseitigen Abhängigkeit, der die Kontrolle der Macht sabotiert. Doch genau diese Kontrollfunktion ist eine wesentliche Aufgabe des Journalismus. Die Recherche zu den »Blauen Geldflüssen« zeigt eindrucksvoll: Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die die Inseratenkorruption unter der SPÖ-Wien zu Recht immer wieder kritisiert hat, beherrscht das Spiel selbst meisterhaft. Gelegenheit schafft Diebe. Als die FPÖ mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) regierte, nutzte sie den Inseratenhebel. Das belegen Chats, die DOSSIER vorliegen. Wer zahlt, schafft an. Heute unterhält beziehungsweise unterstützt die FPÖ ein ganzes Paralleluniversum aus Propagandamedien – rechtsextreme Inhalte und Desinformation inklusive. Sie ist eine wichtige Werbekundin ihrer eigenen medialen Echokammer.

Die Bedeutung von investigativem Journalismus

Genau hier brauchen wir investigativen Journalismus. Nicht als intellektuelles Ornament. Nicht als Gewissen einer Gesellschaft, das beruhigt ignoriert werden kann. Sondern als Mittel, das demokratieschädigende Entwicklungen wie die Inseratenkorruption aufzeigt – und hier kann auch das Theater helfen.

Investigativjournalismus ist komplex, manchmal schwer zugänglich. Das Theater eröffnet neue Wege, es zwingt zu einer ungeteilten Aufmerksamkeit, macht Recherchen erlebbar und besser verständlich – und das nützen wir bei DOSSIER. In »Die Redaktion« (2023) wurden unsere Recherchen über den teilstaatlichen Öl- und Gasriesen OMV auf die Bühne gebracht und in »Aufstieg und Fall des Herrn Rene Benko« (2024) lieferten wir ein hochaktuelles Erklärstück über die Milliardenpleite des Immobilienkonzerns Signa – beides im Volkstheater Wien. Seit 2025 treten wir mit der Lecture Performance »DOSSIER live« im Schauspielhaus Wien und mit der »Fact-Check Late Night Show« im Salzburger Landestheater auf. Hier vereinen wir journalistische Fakten mit szenischem Erzählen, um gesellschaftliche Debatten anzustoßen – zuletzt über den Einfluss von Propaganda und »Fake News« auf die moderne Gesellschaft.

Die Verbindung von Kunst und Journalismus schafft einen Mehrwert. Das Theater ermöglicht Räume, in denen journalistische Recherche nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam erlebt wird. Es ermöglicht einen Perspektivenwechsel, sensibilisiert für das dem Bühnenwerk zugrundeliegende Recherchethema und fördert demokratische Teilhabe über das rein Informative hinaus. Zuschauer*innen werden nicht nur »hard facts« serviert, sie werden auch Zeug*innen eines kollektiven Erkenntnisprozesses.

DOSSIER ist eine werbefreie, gemeinnützige Redaktion, die seit 2012 investigative und datenjournalistische Projekte verfolgt. DOSSIER finanziert sich überwiegend durch eine Community von Gleichgesinnten: Menschen, denen Journalismus im öffentlichen Interesse ein Anliegen ist. Leser*innen unterstützen uns mit regelmäßigen Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Seit 2025 werden wir vom Media Forward Fund (MFF) unterstützt. Dieser von gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gespeiste MFF fördert unsere Bühnenprojekte.

Propagandamaschinen statt Panzer

Was uns neben der Verbindung von Theater und Journalismus von großen Medienhäusern unterscheidet: Wir verzichten auf Werbung, wir nehmen keine Inserate. So bewahren wir das, was uns am Wichtigsten ist: die redaktionelle Unabhängigkeit. Wie gesagt, wir suchen nach der besten Version der Wahrheit, ohne dabei ein politisches Ziel zu verfolgen.

Investigativer Journalismus ist ein Handwerk. Wir schauen hin, wenn andere wegschauen. Wir fragen nach, wenn die Mächtigen schweigen. Wir prüfen Fakten so lange, bis wir sicher sind. Wir können uns irren, aber wir irren uns nicht absichtlich. Das unterscheidet uns von den Kampagnenleuten. Propaganda weiß bereits vor der Recherche, was herauskommen soll. Journalismus findet die Wahrheit bei der Recherche.

Das ist mühsam. Das macht uns unbequem. Das kostet Geld. Sauberer Journalismus ist das, was Autokraten fürchten. Nicht die Kritik selbst, die oft ignoriert oder übergangen wird. Es ist die leise Angst vor der dokumentierten, recherchierten, überprüfbaren Wahrheit – und vor den Folgen der darauf aufbauenden »True Story«. Eine funktionierende Demokratie braucht kritische Medien. Eine freie Presse ist kein dekoratives Element, sondern das Gegengewicht zur Macht. Eine funktionierende

Demokratie braucht Menschen, die nicht akzeptieren, dass ihnen Lügen serviert werden. Sie braucht Journalist*innen, die nicht spuren, wenn es um Wahrheit geht. Wladimir Putin und Viktor Orban wissen das am besten – sie haben die freien Medien eliminiert. Donald Trump arbeitet daran. Und die FPÖ macht keinen Hehl daraus: Unabhängige Medien stehen bei ihr ganz oben auf der Abschussliste.

Die laufenden Attacken auf freie Medien und Journalist*innen weltweit sind kein Zufall. Sie sind nicht das Resultat von Zorn, sondern von Strategie. Wer die öffentliche Wahrnehmung kontrolliert, kontrolliert die Realität selbst. Und wer Fakten manipulieren kann, der höhlt auch eine Demokratie aus, ohne einen Schuss abzufeuern. Beim perfekten Putsch brummen keine Panzer, sondern Propagandamaschinen mit ihren Narrativen, vor allem auf den sozialen Medien. In Zeiten wachsender Desinformation ist investigativer Journalismus kein Luxusgut, sondern für die Demokratie überlebenswichtig.